Abgelegt unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Angst, Dalmanutha, Gebet, Hilfe, Hilflosigkeit, Jünger, Jesus, Priorität, Ruf, Schattenmission, Schlaf
„Jetzt kommen sie wirklich aus den letzten Winkeln der Stadt, um ihn zu sehen!“ raunte Jakobus und drehte sich vom Fenster weg den anderen zu.
„Man sollte doch eigentlich meinen, dass der Sohn Gottes besseres zu tun hätte, als der Bevölkerung einer Provinzstadt die Hände auf zu legen.“
„Schlafen zum Beispiel…“
„Naja, das hat er sich verdient; drei Tage lang geredet und geheilt und zum Abschluss einige tausend Brote zerbrochen. Ich kann nicht aus Erfahrung sprechen, aber ich behaupte mal: das schlaucht!“ meinte Johannes.
„Wenn er aufwacht, bemerkt er vielleicht endlich mal das Schreibzeug, dass ich seit vier Monaten hinter ihm her schleppe. Ich meine, die Leute werden uns am Ende verantwortlich machen: Super, der Erbauer der Welt und ihr König war bei euch und ihr habt nicht dafür gesorgt, dass er ordentliche Memoiren schreibt: Formeln, Naturgesetze; wie das mit dem menschlichen Miteinander gedacht war und was man macht, damit es endlich funktioniert…“ gab Matthäus zu bedenken.
Von der Tür her drang ein gewaltiges Klopfen durch den Raum.
„Petrus!“ prophezeite Andreas.
Es war tatsächlich Petrus, der sich – unterlegt vom Schreien und Rufen der Außenstehenden – durch die Pforte drückte und eine Minute brauchte, um Luft zum Sprechen zu bekommen: „Wahnsinn, der absolute Wahnsinn – Es – Es artetet aus – Die Leute haben alles mitbekommen – Sie – Sie drehen einfach durch – … – Da draußen ist eine Frau, die glaubt, dass ihr Sohn von ihm wieder lebendig gemacht werden kann…“
„Eine arme Gegend ist das hier – wo sonst kommt solch eine Hoffnung her“ sagte Andreas und schaute noch einmal nach, ob der Türriegel fest auf seinem Platz lag.
Eine ganze Zeit lang versuchten die Jünger, durch Schweigen Ruhe in den Raum zu bringen, was jedoch der Geräuschkulisse keine Minderung brachte.
„Wir müssen etwas tun!“ rief schließlich Petrus und schlug mit aller Gewalt auf den Tisch.
„Du hast Recht,“ gab Bartholomäus leise zurück, der ansonsten eher schüchtern war. Mit einem Mal hefteten ihm die wankelmütigen Blicke aller anderen die Bringschuld einer Lösung an und er bereute seinen Kommentar.
Er dachte verzweifelt nach und fing einen Moment später an: „Lasst – Lasst uns beten – … – Herr, unser Gott. Du siehst die Not dieser – dieser Menschen. Du siehst alle ihre Not…“
Johannes bemerkte die Unsicherheit seines Bruders und sufflierte ihm das ein oder andere Wort.
„… schicke starke Menschen, die hier helfen können. Helfer aller Art. Für alles, was hier gebraucht wird. Zeige dich diesen Menschen, damit sie losgehen und helfen. Amen.“
Im gleichen Augenblick wurde die Tür zum hinteren Raum des Hauses geöffnet und die zwölf waren nicht mehr allein. Der Mann im Türrahmen hatte lange Haare und ein langes Gewand – was ihn von den anderen nicht unterschied.
Er, der alle Antworten kannte, fragte: „Ihr habt mich gerufen?“
Abgelegt unter: Christliches | Schlagwörter: Gebet, Karlsruhe, Kongress, Segen, Torheit, Tränen, Unbehagen, Willow Creek, Zorn
So möge Gott uns segnen mit Unbehagen
gegenüber allzu einfachen Antworten,
Halbwahrheiten und oberflächlichen Betrachtungsweisen,
damit Leben in der Tiefe unseres Herzens wohne.
Möge Gott uns mit Zorn segnen
gegenüber Ungerechtigkeit, Unterdrückung
und Selbstherrlichkeit der Mächtigen,
damit wir nach Gerechtigkeit und Frieden streben.
Möge Gott uns mit Tränen segnen,
zu vergießen für die, die unter Schmerzen und Not,
Unverständnis und Unvernunft leiden,
damit wir unsere Hände ausstrecken, sie zu trösten
und ihren Schmerz in Hoffnung und Freude zu verwandeln.
Und möge Gott uns mit Torheit segnen,
daran zu glauben, dass wir die Welt verändern können,
indem wir Dinge tun,
von denen andere meinen,
es sei unnötig und unmöglich, sie zu tun.
Abgelegt unter: Alltägliches | Schlagwörter: Abwerten, Aufwerten, Nur, Ungerechtigkeit, Waffe, Wort
Ein unscheinbares Wort. 2 Konsonanten, durch ein u aussprechbar gemacht. Ich bin kein Sprachwissenschaftler aber ich denke mal, dass es meistens in dem Sinne von lediglich benutzt wird: “Hab heute ne ebay-Rechnung von nur 8 Cent bekommen.” “Wenn doch nur ein Mensch meinen Geburtstag nicht vergessen hätte.”
Doch so unscheinbar es auch ist, es bleibt wie jedes Wort eine kleine Waffe. Und zwar eine subtile. Denn in Zeiten wie diesen, in denen man gerne mal die Motive hinterfragt (was meiner Meinung nach etwas sehr Gutes ist), hat dieses Wort eine ganz neue Aufmerksamkeit bekommen: “Sie hat schon wieder an einem Casting teilgenommen. Sie will damit doch nur ihr Ego befriedigen.”
Aus einer einfachen Erklärung, die ohne Frage richtig sein kann, wird etwas Herabwürdigendes, Zerschneidendes. “Sie – dieses selbstsüchtige Mädchen – denkt mal wieder nur an sich. Alle ihre Taten sind von diesem niederen Beweggrund getrieben…”
Das Wort hat natürlich auch in dieser Funktion seine Berechtigung, aber das Eigentliche, was mich stört, ist die Ungerechtigkeit: Es gibt kein Gegenstück. Oder bin ich blöd? Ich kenne kein Wort, das genauso gut aufwerten kann wie nur abwerten kann. Immerhin vielleicht. Aber das hat etwas mitleiderregendes…
Deswegen sollte man es meiner Meinung nach nicht ohne Grund verwenden.
Es ist eben nicht nur ein Wort.
Abgelegt unter: Alltägliches | Schlagwörter: Herz, Hingabe, Sammlung, Schallplatte, Verletzung, Wertlosigkeit
… jeder interpretiere dies auf sein Leben …
Abgelegt unter: Menschen am Limit | Schlagwörter: Aufstieg, Aufzug, Behinderte Menschen, Karriere, Krankheit, Leben, Schmerz, Schwachheit, Vorstellungsgespräch
Auch Wolkenkratzer haben Erdgeschosse. Johannes J. steht im selbigen des Main Towers und wartet auf einen Aufzug, der ihn zu seinem heutigen Vorstellungsgespräch befördern soll. Ganz nach oben wollte er schon immer und ihm schmeichelt die Tatsache, dass der Aufzug seine Karriereplanung sowohl vorantreibt als auch visualisiert.

Er betätigt gerade ein zweites Mal den Knopf, in der Hoffnung die Mechanik würde mit Nachdruck schneller funktionieren, als eine Gruppe von behinderten Menschen mit ihrem Betreuer zu ihm stößt. In diesem Moment geht die Aufzugtür auf und der Betreuer verliert einen Seufzer. Er murmelt etwas von ‘verdammt noch mal zu kleinen Aufzügen’ und Johannes J. hält inne. Er begutachtet die hüpfende, wankende, gefühlsbetonte und doch unsichere Truppe. Seine Menschenkenntnis flüstert ihm zu, dass der aufgebrachte Betreuer eine weitere Aufsichtsperson für die Aufzugfahrt improvisieren muss und sein Helfersyndrom sucht sofort das klärende Gespräch.
Nach einigen Worten der Warnung bezüglich der Geistesverfassung der Behinderten und Beruhigungsversuchen für diese, steht Johannes J. auch schon mit acht ängstlichen Männern und Frauen hinter der sich schließenden Stahltür. In sein Gesicht ist die Abgeklärtheit aus 30 Jahren Personalmanagement eingraviert und seine Augen ignorieren gekonnt die Dankesbekundungen des Betreuers. Das erste, woran ihn diese Szenerie erinnert, ist sein Neffe, der als Spastiker geboren wurde. Seine Schwester hatte mit dem inzwischen Siebzehnjährigen eine unmenschliche Last zu schultern, behauptete dennoch felsenfest, das Kind sei ein Gottesgeschenk. ‘Was für ein kranker Religionswahn dankt seinem Gott für einen schwerbehinderten Sohn?’ ist der Gedanke, der ihm wieder einmal in den Kopf kommt.
In Höhe des achten Stocks verringert der Fahrkorb unnatürlich seine Geschwindigkeit und kommt unter Ruckeln zum Stehen. Plötzlich fällt die Beleuchtung aus. In der Dunkelheit herrscht sekundenlang Stille, die mit einem Mal von einem markerschütternden Schrei zerrissen wird. Eine andere Person versucht, den Schreienden mit halb ausformulierten Worten zu beruhigen. Schließlich geht die fahle Notfalllampe an und der Lärm ebbt in ein Hyperventilieren ab.
„Ganz ru-hig!“ ruft Johannes J. und macht entsprechende Gestiken. Dann sieht er den Behinderten nacheinander in die Augen und fährt betont fort: „der Auf-zug ist stehen-geblieben. Es kann nichts ge-schehen, wir müssen nur ru-hig ab-warten!“
Der hyperventilierende Mann von vielleicht 25 Jahren sieht ihn mit tief eingefallenen Augen an – eine existenzielle Furcht umklammert seinen Blick. Kurz darauf beginnt er wieder panisch zu schreien, lauter als zuvor. Ein kräftige Frau mit Down-Syndrom will ihn mit einer Umarmung beruhigen, doch er wehrt sich mit seinen knochigen Gliedern. Eine weitere Frau, jung, mit blonden langen Haaren, beginnt, den Kopf sachte gegen die Fahrkorbwand zu schlagen. Ein Mann mittleren Alters bricht in einem Weinkrampf zusammen und legt sich zwischen die Füße der anderen, die von ihrer Angst wie erstarrt sind. Sein Hilfe-Winseln geht in Lärm unter.
„Hey. Ganz ru-hig! Das bringt doch nichts!“
Doch die Worte rufen keinerlei Reaktion hervor. Schließlich erfasst Johannes J. eine unmenschliche Wut, er schüttelt den Schreienden mit aller Kraft durch und trommelt mit beiden Händen gegen die Fahrkorbwand, bis sich auch der letzte zusammengerissen hat. Zehn Sekunden lang zeigt seine Methode Erfolg, doch dann fängt das Chaos schon wieder von vorne an.
Nach weiteren fünf Minuten platzt Johannes J. der Kragen: er packt sich den Schreienden an demselben und schmeißt ihn mit Gewalt auf den Fahrkorbboden, wo er ihn solange mit dem Wort Ruhe anbrüllt, bis dieser tatsächlich gehorcht und leise zu heulen beginnt. Unter den verzweifelten Blicken der anderen geht Johannes J. in die hintere Ecke des Fahrstuhls. Er hockt sich hin und von jetzt auf gleich wandelt sich seine Wut in pure Angst. Angst vor dem Unkontrollierbaren, dem Kranken und Schwachen. Angst vor dem Nutzlosen und Lästigen. Angst vor diesen Menschen und hinter allem schließlich die Angst vor sich selbst; dem kleinen, verwundbaren Jungen in den Händen derer, die Macht über ihn hatten. Mit einem Mal ist er wieder da, dieser Junge, und pocht auf sein Daseinsrecht. 57 Jahre Lebenserfahrung und 30 Jahre Menschenführung hatten Johannes J. nicht dazu bringen können, ihn zu verlieren.
Und mit dem Jungen kommt die Erkenntnis zurück. Die Erkenntnis, wofür man lebt. Dass man nur lieben oder sterben kann. Dass seine Karriere auf dem Tod seiner Beziehungen gediehen war und all die Menschen, die wirklichen Kontakt mit seinem Leben hatten, ziehen an seinem geistigen Auge vorbei. Eine einzige Träne rettet sich vor dem Impuls der Unterdrückung und als Johannes J. realisiert, dass er vor diesen Menschen nichts verbergen muss, beginnt er, hemmungslos zu weinen.
Die Frau mit dem Down-Syndrom ist die erste, die reagiert und auf ihn zugeht. Sie streckt den Zeigefinger aus und berührt mit diesem nacheinander sanft seine Nase und seine tränenbenetzte Wange. Da identifizieren ihn die anderen als Mensch, als einen der ihren und weinen mit ihm. Nicht weil sie eine Ahnung davon hätten, was für ein Schmerz da beweint wird, sondern weil sie instinktiv wissen, dass Schmerz geteilt werden muss.
Johannes J. bemerkt von dem Folgenden nicht mehr viel; dass der Fahrstuhl sich wieder in Bewegung setzt; dass der aufgelöste und fassungslose Betreuer auf der Ebene der Aussichtsplattform seine Gruppe mit weinenden und lachenden Behinderten wieder vervollständigt. Erst, als der Betreuer ihn nach seiner Verfassung und seinem Ziel-Stockwerk fragt, um dem sichtlich Gelähmten bei der Wahl des richtigen Knöpfchens zu helfen, merkt er, dass er hier nirgendwo mehr hin will. Dass er wieder zurück will, ins Erdgeschoss; dort wo Menschen lachen und Menschen weinen. Dort, wo Menschen sind.
Die Bilder sind erschütternd. Wenn ich darüber nachdenke, wie man den Menschen in Haiti helfen kann, kommen mir paradoxerweise nur bescheuerte Gedanken in den Kopf:
- Du sitzt hier und schickst aus dem Wohlstand Geld an fremde Menschen
- Das machst du nur, um dein Gewissen zu beruhigen
- Die richtigen werden das Geld sowieso nicht erhalten
- Jaja, Beten kann er, aber sein Geld…
- Jaja, Geld geben kann er, aber sein Herz…
- …
mit dem Ergebnis, dass ich in Resignation steckenbleibe. Brauche ich das Geld? Fehlt mir etwas, wenn eine Hilfsorganisation Mist damit baut? Kann es tatsächlich schaden?
Ist es eine Frage der Motivation oder zählt verdammt noch mal, dass Menschen Hilfe brauchen?
Abgelegt unter: Christliches | Schlagwörter: Antwort, Beratungsresistenz, Frage, Jesus, Liebe, Nachfolge
… zumindest nicht in der Regel. Er weiß um die Beratungsresistenz seiner Nachfolger und stellt lieber die richtigen Fragen.
Und zum dritten Mal fragte Jesus: “Simon, Sohn des Johannes, hast du mich wirklich lieb?”
Johannesevangelium 21, 17a
Abgelegt unter: Kurzgeschichtliches | Schlagwörter: Amnesie, Berufung, Depression, Engel, Hoffnung, Leben, Mangel, Nachteil, Niedergeschlagenheit, Unterschied, Vorteil, Zukunft, Zweifel
Im grau-weißen Zimmer seines winzigen Appartements saß ein Mann mit fingerlosen Händen und verlorenem Gedächtnis aufrecht in seinem Bett und verwünschte stumm sein Dasein. Er beobachtete die Spalte zwischen den Deckenleisten und der gewölbten Wand und fragte sich, welchen Unterschied es machen würde, wenn er für immer in diesen verschwinden könnte.
Da stand plötzlich ein Engel in seinem Zimmer und fragte mit menschlicher Stimme: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“
Der Mann, der zu Verwunderung kaum mehr fähig war, antwortete: „Du hast gut reden. Sag mir, was für ein Leben ich ohne Erinnerung führen soll. Hat jemals ein gefällter Baum neue Wurzeln geschlagen?“
„Nein. Aber manch eine Seele hier würde sich freuen, das Privileg eines Bewusstseins ohne Gedächtnis zu haben.“
Das brachte den Mann ins Grübeln und er war wieder allein.
Nach einer Woche verbrachte er immer noch seine freie Zeit damit, aufrecht im Bett zu sitzen. Er schaute die erstarrten Pinselstriche seiner weißfarbenen Zimmerwand flehend an, als läge es in ihrer Macht, seine Existenz ebenso zum Stillstand zu bringen. Und wieder kam der Engel zu ihm und fragte ihn, fast kumpelhaft: „Warum lebst du nicht und ehrst Gott?“
Der Mann hob die verstümmelten Hände und sagte: „Wie soll ich hiermit leben? Gib mir meine Finger zurück und ich will leben!“
Da verschwand der Engel und erschien als Landstreicher zwei Jungen, die mit mehreren Dutzend zerlegten Feuerwerkskörpern und einer kleinen Konservendose versuchten, den kindlichen Traum vom großen Knall wahr zu machen. Er flüsterte dem einen etwas ins Ohr, woraufhin dieser die Konservendose nahm, sie mit Wasser vom nahen See füllte, über das Schwarzpulver goss und von seinem Freund verprügelt wurde.
Kurze Zeit später war der Engel wieder bei dem Mann in seinem Zimmer, um sich erfolglos nach dessen gesteigerter Lebensbereitschaft zu erkunden. Der Besuchte entschuldigte sich: „Vier Finger einer Hand habe ich wiederbekommen, doch zu körperlicher Arbeit tauge ich nicht und reden kann ich genauso schlecht. Wie soll ich ohne Zeigefinger und mit nur einem Daumen in dieser Welt von Nutzen sein? Gib mir meine Finger wieder und ich will leben!“
Der Engel verließ das Zimmer durch die Tür und trat gleichzeitig als Guerrillero mit abgewetzter Lederweste und Maschinenpistole in einen anderen, dunkleren Raum, in dessen Mitte ein Tisch aufgestellt war, auf dem ein junger Mann angebunden war und gefoltert wurde. Er ging sicheren Schritts zu dem Folterer, der ungeduldig mit einem langen Dolch an der Tischkante herumschnitzte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser verließ daraufhin mit zufriedenem Blick den Raum und ließ die Türe hinter sich offen. Der Guerrillero löste die Fesseln des Gefolterten und befahl ihm, zu verschwinden.
Im grau-weißen Zimmer wiederum saß nun der Mann, immer noch ohne Erinnerung, dafür mit acht Fingern und starrte erneut die Wand an, als wäre sie ein alpines Bergpanorama. Mit mathematischer Genauigkeit errechnete er, dass das allgemeine Weltgeschehen vom allgemeinen Weltgeschehen inklusive seiner Existenz abgezogen wohl keine bemerkenswerte Differenz ergäbe. Und ein letztes Mal kam der Engel in seine Nähe, setzte sich neben ihm auf die Bettkante und forderte ihn auf, zu leben und Gott als Individuum zu ehren.
„Wenn das doch alles so einfach wäre. Sieh dir mich doch an. Beide Zeigefinger fehlen mir. Wie sollte ich da filigrane Arbeit bewältigen oder viel mehr noch dem Gespött der Menschen standhalten? Sorge dafür, dass ich meine Zeigefinger bekomme und ich werde leben!“
Da seufzte der Engel, wozu er nur auf dieser Erde Anlass fand, und sagte dem Mann ins Gesicht: „Nein, das würdest du nicht. Ich würde dir die Zeigefinger besorgen und dazu noch acht weitere Finger für jede Hand und du würdest doch raus auf die Straße gehen, die Anderen beobachten und dich beklagen, dass dir dieses oder jenes Talent fehlt oder an Geld oder an einer bedeutungsvollen Berufung. Darüber hinaus kann ich nicht dafür sorgen, dass du Zeigefinger bekommst, da du nie welche hattest. Du warst dafür bestimmt, einer der Wenigen zu sein, die nicht mit ausgestrecktem Finger auf ihre Mitmenschen zeigen.“
Abgelegt unter: Fundsätzliches | Schlagwörter: Anne Lamott, Herrschaft, Herrscher, Neujahr, Schicksal, Zukunft
Da ich das Buch im Moment verliehen habe, nur ein Satz daraus aus dem Gedächtnis zum Neuen Jahr:
Es ist hilfreich, wenn sie als Herrscher über ihr Schicksal abdanken.

